Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Bibel
Die Bibel ist Gottes Wort in Menschenwort. Wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Auslegung, nicht ohne Interpretation zu verstehen. Entscheidend ist die Absicht der Aussage. Um diese zu verstehen, müssen die historischen Texte in den Kontext gesetzt und im Abgleich mit anderen Auslegungen interpretiert werden. Eine vorschnelle wörtliche Auslegung und Instrumentalisierung biblischer Texte verbietet sich.
In jüngster Zeit haben sich die Päpstliche Bibelkommission und Bibelwissenschaftler*innen mit Schriftstellen befasst, die Hinweise auf homosexuelle Handlungen aufweisen.
Konsens besteht darin, dass die vielfach zitierten Schrifttexte in Gen 19, Ri 19 sowie Lev 18 und Lev 20 sich auf homosexuelle Handlungen beziehen, nicht aber homosexuelle Beziehungen bewerten. Auch die Betrachtung von Homosexualität im geschichtlichen Kontexten untermauert, dass die Bibel und die vorderorientalische Antike den Begriff der Homosexualität als erotische Beziehung nicht kennen.
Der Geschichte Lots und der Männer von Sodom (Gen 19) wurde lange Zeit eine Beweislast zur Verurteilung von Homosexualität aufgebürdet, die sie nicht einzulösen vermag (vgl. T. Hieke, Die Männer von Sodom. Keine Sexualität in Genesis 19 und anderswo, S. 66.) Nur am Rande geht es um Sexualität in der Geschichte von Lot, der zwei fremde Boten bei sich im Haus aufnimmt. Die eingeforderte Auslieferung der Gäste durch die Sodomiter (Gen 19,5), verfolgt das Ziel der Erniedrigung und Unterdrückung. Nicht vermeintliche Homosexualität der Bewohner von Sodom, sondern der angestrebte Gewaltexzess und damit die Fremdenfeindlichkeit, ist das zu verurteilende sündhafte Verhalten in der Geschichte.
Unter den Rechtssammlungen im Buch Levitikus finden sich die vielfach zitierten Verhaltensvorschriften: „du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft“ (Lev 18,22) und „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient.“ (Lev 20, 13)
Historisch-Kritische Studien belegen für den Rechtskodex, dass er ungefähr 500 Jahre vor Christus geschrieben worden ist. Vergleiche mit anderen zeitgeschichtlichen Quellen verdeutlichen, dass die Schrifttexte sich immer auf einen Analverkehr zwischen Männern beziehen, wobei der Analverkehr auch in diesem Zusammenhang immer ein Akt der Erniedrigung ist. Ein archäologischer Fund, eine Vase aus dem fünften Jahrhundert, zeigt wie ein griechischer Soldat einen persischen Kriegsgefangenen penetriert. Das war ein Akt der Demütigung für die besiegten Perser. Die Form der sexuellen Handlungen ist also überhaupt nicht zu vergleichen mit einer freien Handlung, zwischen gleichen Partner*innen. Und so ist das, was hier im Buch Levitikus steht, "ein Gräuel", nicht weil es eine homosexuelle Beziehung verbieten würde. Homosexuelle Beziehungen kennt das Alte Testament und das kennt auch die Antike nicht. Verurteilt wird in den Rechtssammlungen der Missbrauch von der Macht des Siegers gegenüber dem Besiegten.
Ein freier Entschluss zwischen gleichberechtigten Männern oder Frauen für eine bleibende, gültige, rechtlich geschlossene Partnerschaft ist in den Erzählungen und Rechtstexten im Alten Testament völlig unbekannt. Das ist zweifellos historisch bewiesen, so dass die exemplarisch benannten Schriftstellen, nicht dazu missbraucht werden dürfen, eine Tradition zu begründen, die es biblischerseits so nicht gibt.
Vor dem Hintergrund dieser bibelwissenschaftlichen Erkenntnisse sowie der Erkenntnisse der Humanwissenschaften ist eine Neubewertung der Homosexualität in der Kirche unabdingbar. Folgerichtig befasst sich das Forum IV beim „Synodalen Weg“ zum „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“. Die Synodalen diskutierten eine Neubewertung der Homosexualität und eine Veränderung der lehramtlich vertretenen Positionen gegenüber homosexuellen Menschen, wie sie u.a. im Katechismus der Katholischen Kirche dargelegt werden. Die Textvorlagen dazu sind auf den Internetseiten des „Synodalen Weges“ unter den Materialien einsehbar. https://www.synodalerweg.de/dokumente-reden-und-beitraege#c6472
Zum Weiterlesen:
T. Hieke, Die Männer von Sodom. Keine Homosexualität in Genesis 19 und anderswo, S. 64-71, in: Thomas Hieke/Konrad Huber (Hg.), Bibel falsch verstanden: Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt, 2020.
Pontificia Commissione Biblica, „Che cosa è l’uomo?“ (Psalm 8,5). Un itinerario di antropologia biblica.